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22.01.2026
Der poetische Pförtner
Es ist der letzte Tag von Rudi Vesely. Zumindest in seinem Job als Pförtner an der Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz (FRM II). Sieben Jahre lang hat er Schlüssel ausgegeben, die Schranke geöffnet oder Zugangsscheine für Besucher ausgestellt. Ein verantwortungsvoller Job – den Rudi Vesely nach Bauwesen- und Pharmaziestudium, als Fernsehredakteur und Buchautor mit spielender Leichtigkeit ausgeführt hat.
Kerzengerade sitzt er auf dem Bürodrehstuhl, blickt durch die kugelsichere Scheibe der Pforte auf den Eingang der Neutronenquelle, reagiert auf das Summen der Anlage, die ihm ankündigt, dass sich jemand ausgebucht hat. Ein Auge auf den ersten Bildschirm mit Daten, das andere auf die Aufnahme der Kamera am Drehkreuz des Ausgangs gerichtet, die Finger am Pult mit den Knöpfen für die Schranke oder die Tür neben dem Drehkreuz.
Ausbuchen, bitte
Ein silberner Audi hat vor der Schranke angehalten. Die Wissenschaftlerin darin will das Gelände des Forschungsreaktors verlassen. „Hast Du Dich ausgebucht, Schätzchen?“, fragt Rudi Vesely im Selbstgespräch mit Blick auf den Monitor und beantwortet sich die Frage gleich selbst: „Nein hast Du nicht.“ Elastisch springt er auf, öffnet die Sicherheitstür und geht im weißen kurzärmligen Hemd nach draußen in den frostigen Winternachmittag. Die ursprünglich hochgefahrene Schranke hat er zuvor sicherheitshalber gleich wieder geschlossen. „Sie müssen sich noch ausbuchen“, ruft er der Kollegin im silbernen Audi jenseits der Schranke zu und macht dabei mit seiner rechten Hand die Bewegungen für das Durchziehen der Karte durch das Lesegerät, falls sie ihn nicht hört.
Flucht aus der Tschechoslowakei
Eigentlich war sein Ziel Kanada oder Australien, als Rudi Vesely 1982 aus der damaligen Tschechoslowakei floh. Auf gar keinen Fall wollte der 24-Jährige zum Militär in seiner Heimat. Das drohte ihm nach dem Ende seines Bauwesen-Studiums.
Der Kirschentkerner
„Und dann bin ich in Deutschland geblieben“, sagt Rudi Vesely achselzuckend. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München studierte er Pharmazie. Nebenbei jobbte er bei der Sendung Dalli Dalli als Strohkandidat für den Showmaster Hans Rosenthal, damit er seine Texte für die Promis einüben konnte. Hier erregte Rudi Vesely mit seiner unverblümten und kreativen Art Aufsehen. Auf die Frage, was er, der eigentlich den Rennfahrer Niki Lauda mimen sollte, denn vor seiner Rennfahrertätigkeit gemacht habe, antwortete er statt des vorgegebenen Textes: „Ich war früher Kirschentkerner.“ Entsetzen beim Produktionsleiter, Entzücken beim Showmaster Rosenthal: „Den will ich in Zukunft immer dabeihaben, der fordert mich heraus! Das kann mir in der Show auch passieren und da will ich vorbereitet sein.“
150 Schlüssel den Besitzern zuordnen
Während er erzählt, sammelt Rudi Vesely fleißig haufenweise Schlüssel von Kollegen ein, die in den Feierabend gehen. Eilfertig schiebt er ihnen die Schublade unter dem Sicherheitsglas schon auf, bevor sie überhaupt den Schlüsselbund zücken können. 240 Schlüssel seien es insgesamt, die an der Pforte am Anfang des Arbeitstags abgeholt und am Ende abgegeben werden. „Ungefähr 150 davon kann ich Namen und Gesicht zuordnen“, sagt Rudi Vesely stolz. „Bis morgen“, grüßt eine junge Dame schon im Weggehen. Vesely lacht, ruft laut: „Ciao!“ und sagt dann zu sich selbst: „Bis morgen? Ja, du vielleicht.“
Hörbuch mit Sven Hannawald: Zusammen mit dem Skispringer hat Rudi Vesely (r.) als Regisseur 2013 dessen Biografie vorgestellt. © Abod Verlag
Bei Film und Fernsehen
Nach dem vorzeitigen Tod von Rosenthal war es für Vesely ein leichtes als freier Mitarbeiter bei München TV, damals noch TV Weiß-Blau anzufangen, später dann sogar als Chefredakteur für Nachrichten, wie er erzählt. Es folgten Tätigkeiten als Autor bei der versteckten Kamera mit Fritz Egner, Regie für Hörbücher, Aufträge vom Fernsehen.
Vom Hörbuchverlag in die Wache
Zuletzt war Rudi Vesely Miteigentümer und Regisseur bei einem Hörbuchverlag. Dort wollte er „nicht die Kunden belügen“, wie er sagt, und musste sich von dem Verlag trennen. Da kam der Job bei der Sicherheitsfirma Securitas im Jahr 2019 sehr gelegen. Zunächst war Rudi Vesely als Springer in der Pforte der Radiochemie der Technischen Universität München und Wache direkt im Reaktorgebäude des FRM II tätig, dann betreute er das Schließwesen des FRM II und schließlich landete er bei der Pforte. „Hier bin ich gerne. Die Arbeit ist zwar nicht so sehr interessant, aber man trifft hier ständig sehr interessante Menschen“, sagt Rudi Vesely.
Abschied von Kollegen
Vor der dicken Glasscheibe ist ein Kollege aus der Reaktormannschaft des FRM II stehen geblieben, trauriger Blick, Mundwinkel nach unten: „Rudi, ich hab‘ gehört, das ist heut dein letzter Tag…“ „Aber ich lebe weiter“, entgegnet Rudi Vesely mit einem schelmischen Grinsen. Und so kann auch der Kollege wieder lächeln.
„So einen Chef hatte ich noch nie“
Warum er am FRM II gerne gearbeitet hat? „Weil ich es hier mit intelligenten Menschen zu tun habe.“ Sein schönstes Erlebnis an der Forschungs-Neutronenquelle? Da muss Rudi Vesely nicht lange überlegen: „Der Technische Direktor hat mich letztes Jahr zu einem Konzert von ihm eingeladen.“ Dr. Axel Pichlmaier spielt Saxophon in einer Big Band. „So einen Chef hatte ich noch nie“, gerät Rudi Vesely ins Schwärmen: „Kommt jeden Tag bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad, behandelt alle gleich, egal woher jemand kommt oder was er ist, ob Professor oder Pförtner.“
Eigene Songs auf Spotify
Neben der Arbeit beim Fernsehen begann Rudi Vesely Bücher zu schreiben. Darunter im Jahr 2016 medizinische Gute-Nacht-Geschichten zusammen mit dem Arzt Dr. Max Karner. In „Dr. Mercurius heilsame Reise zum Planeten Erde“, erklärt ein kleines grünes Männchen kindgerecht, wie man etwa bei einem Wespenstich in die Zunge vorgeht oder wie schmutzige Wunden behandelt werden. Neuerdings ist Rudi Vesely auch auf Spotify unterwegs. Unter den Pseudonymen „Dr Mercurius“ und „Sister Bell“ hat er dort eigene Lieder veröffentlicht.
Sein Vorbild arbeitet mit 83 und joggt an der Isar
Fasziniert hat ihn am FRM II, mit wieviel Begeisterung und Einsatz die Menschen bei der Arbeit sind. Sein großes Vorbild ist ein 83-Jähriger, der noch jeden Tag auf das FRM II-Gelände kommt. „Den habe ich sonntags an der Isar joggen sehen. Bei Sturm und Regen!“, ist Rudi Vesely beeindruckt. „Es gibt hier viele solcher Menschen. Und das finde ich interessant. Denn ich habe mit vielen Menschen zusammengearbeitet, die andere interessant finden“, sagt er in Anspielung auf die TV-Prominenten. „Doch die sind hinter der Kulisse manchmal gar nicht so freundlich.“
Und was hat Rudi Vesely nun vor in seinem Ruhestand? „Mal sehen“, sagt er grinsend. Vielleicht wird er Texte für ein Musical schreiben. Aufhören zu arbeiten wird er jedenfalls nicht. „Mein Großvater hat auch gearbeitet bis er 86 Jahre alt war.“
Andrea Voit
Presse- und Öffentlichkeits-
arbeit FRM II
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